MGID
27.03.2026 • 21 Min. Lesedauer

In diesem Leitfaden erklären wir, was Liquid Content ist, wie er funktioniert und warum er an Bedeutung gewinnt, jetzt da KI es immer einfacher macht, Geschichten über verschiedene Formate, Kontexte und individuelle Nutzerbedürfnisse hinweg anzupassen.

Stellen Sie sich vor, Sie greifen im Laufe des Tages immer wieder auf dieselbe Geschichte zu – aber jedes Mal in einem anderen Format: morgens als kurze Zusammenfassung in Stichpunkten, auf dem Weg zur Arbeit als Audioversion und später, wenn Sie Zeit haben, als ausführlicher Artikel. Die eigentliche Berichterstattung bleibt gleich, nur die Erfahrung passt sich Ihrer jeweiligen Situation an.

Genau das ist die Idee hinter Liquid Content. Während sich Nutzerinnen und Nutzer zwischen Geräten und Formaten bewegen, verändern KI-Tools die Art und Weise, wie Informationen bereitgestellt werden. Auf diese Weise werden Inhalte weniger statisch und stattdessen zunehmend flexibel, anpassungsfähig und kontextsensitiv. Für Publisher bedeutet dieser Wandel, dass sich die Frage „Was ist eine Story überhaupt?“ grundlegend neu stellt.

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Table of contents

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Chapter 1

Was genau ist Liquid Content?

Im Kern, beschreibt Liquid Content Inhalte, die sich in Format, Länge, Struktur und Detailtiefe anpassen können – je nachdem, wer sie konsumiert und in welchem Kontext.

Statt Inhalte als fertigen Artikel zu betrachten, ist es hilfreicher, sie stattdessen als strukturierte Informationen zu sehen, wie z. B.:

  • Recherche und Berichterstattung
  • Daten und Fakten
  • Zitate
  • Kontext und Hintergrund

All diese Elemente fungieren als Bausteine, die sich je nach Nutzungssituation unterschiedlich kombinieren lassen.

Was macht Inhalte „liquid“?

Die meisten Ansätze von Liquid Content zeichnen sich durch fünf zentrale Merkmale aus:

Liquid Content-Framework
1️⃣ Anpassungsfähigkeit: Inhalte können sich je nach Nutzerkontext wie Zeit, Ort, Verhalten und Präferenzen verändern.
2️⃣ Modularität: Inhalte bestehen aus kleineren Komponenten, die wiederverwendet und neu zusammengesetzt werden können.
3️⃣ Formatübergreifende Ausspielung: Dieselbe Geschichte kann als Text, Audio, Video, Zusammenfassung oder interaktives Format erscheinen.
4️⃣ Personalisierung: Unterschiedliche Nutzerinnen und Nutzer erleben unterschiedliche Versionen derselben Geschichte.
5️⃣ Inhaltliche Konsistenz: Trotz wechselnder Formate bleibt die Kernaussage gleich.

Im Wesentlichen geht es bei Liquid Content darum, das Informationserlebnis neu zu gestalten und individuell anzupassen.

Woher stammt der Begriff?

Die Idee von Liquid Content existiert bereits seit Jahren – insbesondere im Marketing und in der Produktentwicklung. Durch den Einsatz von KI gewinnt sie jedoch momentan deutlich an Relevanz. Eine aktuelle Definition aus der Medienforschung beschreibt Liquid Content als:

  • Inhalte, die nicht statisch sind
  • Inhalte, die sich in Echtzeit anpassen können
  • Inhalte, die durch Signale wie Nutzerkontext, Interaktionen oder Nutzungssituation geprägt werden

Damit geht noch eine weitere wichtige Idee einher: Inhalte werden nicht mehr als einzelnes Endprodukt erstellt, sondern als flexible, atomare Einheiten, die sich immer wieder neu kombinieren lassen.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Wahrscheinlich sind Ihnen erste Formen von Liquid Content längst begegnet, ohne dass Sie es bemerkt haben:

  • Ein Nachrichtenartikel, der als personalisierte Antwort in ChatGPT erscheint.
  • Eine Story, die zu einem täglichen Audio-Briefing umgestaltet wurde.
  • Ein Feed, der sich danach richtet, was Sie zuvor gelesen haben.

In allen diesen Beispielen ist die ursprüngliche Geschichte zwar noch vorhanden, aber sie ist nicht mehr an ein bestimmtes Format oder ein bestimmtes Nutzungserlebnis gebunden.

Zentrale Idee: Die Geschichte bleibt dieselbe. Was sich ändert, ist ihre Flexibilität: Sie taucht in Kontexten und Formaten auf, die ursprünglich gar nicht vorgesehen waren.

Chapter 2

Warum Liquid Content derzeit so viel Aufmerksamkeit bekommt

Wie bereits erwähnt, ist das Konzept Liquid Content nicht neu. Mittlerweile haben jedoch einige Veränderungen dafür gesorgt, dass es heute deutlich greifbarer und dringlicher wirkt als noch vor wenigen Jahren.

1. Nahtlose Anpassung von Inhalten an unterschiedliche Formate dank KI

Generative KI macht es unglaublich einfach, Inhalte direkt umzugestalten:

  • einen langen Artikel in eine kurze Zusammenfassung verwandeln,
  • spontan eine Audio-Version erzeugen,
  • eine leicht verständliche Erklärung verfassen,
  • Tonalität und Tiefe für verschiedene Zielgruppen anpassen.

Was früher mehrere Teams und Produktionszyklen erforderte, passiert heute in nur wenigen Sekunden. Die Kosten für die Umwandlung von Inhalten sinken rapide gegen Null.

2. Distribution ist nicht mehr an die eigene Website gebunden

Jahrzehntelang war die Homepage oder App eines Publishers die zentrale Anlaufstelle für Inhalte. Heute ist das nicht mehr der Fall, da Inhalte zunehmend konsumiert werden über:

  • KI-Assistenten
  • Antwortmaschinen
  • Aggregatoren
  • personalisierte Feeds

In vielen dieser Umgebungen sehen Nutzerinnen und Nutzer eine neu zusammengestellte Version des Originalartikels. Diese Veränderung hat uns gezeigt, dass Inhalte weiterhin Mehrwert schaffen – und zwar auch dann, wenn sie außerhalb ihres ursprünglichen Veröffentlichungskontexts konsumiert werden.

3. Die Erwartungen des Publikums haben sich geändert

Menschen wechseln heute ständig zwischen Formaten, Geräten und Aufmerksamkeitsstufen:

  1. Lesen → Hören → Schauen
  2. Smartphone → Auto → Laptop
  3. Schnelles Überfliegen → Vertieftes Eintauchen

In diesem schnelllebigen Umfeld und bei ständig wechselnder Aufmerksamkeit erwarten Nutzerinnen und Nutzer, dass sich Inhalte ihrem jeweiligen Kontext anpassen.

4. Personalisierung erreicht die nächste Stufe

Früher bedeutete Personalisierung vor allem, Artikel zu empfehlen oder passende Themen anzuzeigen. Heute geht es zunehmend darum, die Inhalte selbst zu neu zu gestalten. Zwei Personen können denselben Artikel erhalten – aber unterschiedlich aufbereitet: Jemand mit Vorwissen zum Thema erhält eine Kurzfassung, während eine andere Person denselben Artikel mit mehr Kontext und Hintergrundinformationen ausgespielt bekommt.

5. Das Format selbst verliert an Bedeutung

Innerhalb von Medienunternehmen wird der klassische Artikel zunehmend nur noch als eine mögliche Ausdrucksform einer Geschichte verstanden. Der eigentliche Wert liegt nicht im Format, sondern in Recherche / Berichterstattung, Wissen und Kontext. Formate werden zu flexiblen Behältern, die sich je nach Nutzungssituation verändern lassen – je nachdem, wo und wie Inhalte konsumiert werden.

Fazit: Nimmt man all diese Entwicklungen zusammen, erscheint Liquid Content als eine logische Weiterentwicklung davon, wie sich Informationen in einer Welt bewegen, die von KI und ständigem Kontextwechsel geprägt ist.

Chapter 3

Liquid Content vs. Multimodalität: Wo der Unterschied tatsächlich liegt

Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Machen Publisher das nicht schon seit Jahren? Aus Artikeln werden Videos, Podcasts erhalten Transkripte, Geschichten werden für Social Media neu aufbereitet. Das gehört zwar dazu, erfasst aber nicht vollständig, worum es bei Liquid Content eigentlich geht.

Die meisten Redaktionen arbeiten bereits formatübergreifend: ein geschriebener Artikel, eine Videoversion, ein Audio-Briefing und Anpassungen für Social Media. Das wird oft als Multimodalität bezeichnet. Das ist zwar sinnvoll, aber die zugrunde liegende Logik bleibt gleich: Eine Geschichte wird erstellt und dann in verschiedene Formate übertragen und ausgespielt.

An dieser Stelle fügt Liquid Content eine neue Ebene der Variation und Anpassung hinzu. Was sich dadurch verändert:

  • Inhalte können sich individuell an Nutzerinnen und Nutzer anpassen.
  • Die Struktur der Geschichte selbst kann sich verändern.
  • Das Nutzungserlebnis kann sich im Tagesverlauf weiterentwickeln.
  • Unterschiedliche Nutzerinnen und Nutzer sehen womöglich nie exakt dieselbe Version.

Beispiel:

  1. Eine Person erhält ein kurzes Update ohne Hintergrundinformationen – sie kennt das Thema bereits.
  2. Eine andere wiederum bekommt eine ausführlichere Version mit Kontext und tiefergehender Erklärung ausgespielt.
  3. Und eine dritte hört auf dem Weg zur Arbeit eine automatisch generierte Audio-Zusammenfassung.

All diese Varianten basieren auf demselben zugrunde liegenden Inhalt, werden aber jeweils unterschiedlich zusammengesetzt. r entscheidende Unterschied liegt in der Reaktionsfähigkeit. Liquid Content reagiert auf den jeweiligen Kontext.

Multimodalität Liquid Content
„In wie vielen Formaten können wir diesen Inhalt veröffentlichen?“ „Wie sollte sich dieser Inhalt für diese Person und genau in diesem Moment verändern?“

Wenn Sie Liquid Content lediglich als eine weitere Vertriebsstrategie verstehen, produzieren Sie wahrscheinlich mehr Formate und erhöhen Ihren Output. Behandeln Sie ihn jedoch als rukturellen Wandelergeben sich ganz andere Entscheidungen:

  • wie Inhalte erstellt werden (modular vs. linear)
  • wie Teams organisiert sind (Redaktion + Produkt + Technologie)
  • wie Wert gemessen wird (über das Nutzungserlebnis)

An dieser Stelle wird es spannend – und auch etwas komplexer.

Chapter 4

Wie sieht Liquid Content konkret aus?

Das Konzept kann zunächst abstrakt wirken. Am verständlichsten wird es, wenn man betrachtet, wie dieselbe zugrunde liegende Geschichte je nach Kontext unterschiedliche Formen annehmen kann.

Nehmen wir eine einzelne Nachrichtenmeldung. In einem klassischen Setup würde sie:

  • als Artikel veröffentlicht werden,
  • möglicherweise als Video aufbereitet werden,
  • eventuell in einem Podcast besprochen werden.

Mit Liquid Content verhält sich dieselbe Geschichte deutlich dynamischer:

  1. Am Morgen → ein auf Ihre Interessen zugeschnittenes Stichpunkt-Briefing.
  2. Auf dem Weg zur Arbeit → eine auf Abruf generierte Audio-Version.
  3. Später am Tag → eine vertiefende Fassung mit zusätzlichem Kontext.
  4. In einem KI-Assistenten → eine direkte Antwort auf Ihre konkrete Frage.

Die zugrunde liegenden Fakten bleiben zwar gleich, aber Form, Tiefe und Einstiegspunkt der Geschichte verändern sich kontinuierlich.

Chapter 5

Erste Praxisbeispiele für Liquid Content gibt es bereits

Einige Publisher experimentieren bereits mit Elementen dieser Entwicklung.

The Washington Post hat beispielsweise einen personalisierten Nachrichten-Podcast getestet:

  • Nutzerinnen und Nutzer konnten Themen, Länge und sogar die Hosts selbst auswählen.
  • KI hat mehrere Geschichten zu einem Hörerlebnis zusammengefügt.
  • Inhalte aktualisieren sich im Tagesverlauf parallel zur Nachrichtenlage.

Auch VG (Norwegen) hat ein Produkt entwickelt, bei dem:

  • Inhalte aus der gesamten Redaktion zusammengeführt werden,
  • KI-Agenten diese Inhalte neu formatieren und zu einem dynamischen Feed zusammenstellen.

KI-Assistenten wie ChatGPT schlagen bereits eine ähnliche Richtung ein, indem sie:

  • auf Informationen aus Artikeln zugreifen,
  • diese als Antworten, Zusammenfassungen oder Erklärungen neu aufbereiten,
  • und anschließend auf Grundlage der Nutzerintention ausspielen.

In all diesen Praxisbeispielen geht Personalisierung deutlich über klassische Empfehlungen hinaus. Mit Liquid Content wird sie zu einem individuellen und kontextbezogenen Erlebnis, bei dem die Geschichte die Nutzerinnen und Nutzer ganz persönlich und direkt anspricht.

Beispiel: Eine Geschichte, mehrere Nutzungserlebnisse

Stellen wir uns eine Redaktion vor, die über eine Eilmeldung berichtet.

  1. Eine Reporterin oder ein Reporter liefert die Kerninformationen: Fakten, Zitate, Kontext.
  2. Diese Inhalte werden als strukturierte Bausteine gespeichert.
  3. Darauf aufbauend werden unterschiedliche Versionen generiert:
    • ein kurzes Stichpunkt-Update für den Morgen-Feed,
    • ein zweiminütiges Audio-Briefing für den Weg zur Arbeit,
    • eine ausführlichere Version mit Hintergrundinformationen für neue Leserinnen und Leser,
    • eine direkte Antwort in einem KI-Assistenten.

All diese Varianten basieren zwar auf derselben Quelle, werden aber je nach Situation unterschiedlich zusammengesetzt.

Gleichzeitig beschränkt sich Liquid Content nicht auf einzelne Geschichten, sondern kann das gesamte Nutzungserlebnis prägen. Eine Nachrichten-Website könnte sich in Echtzeit anpassen – basierend auf:

  • Ihrem Standort,
  • dem, was Sie zuvor gelesen haben,
  • der Zeit, die Ihnen offenbar zur Verfügung steht,
  • Ihren bevorzugten Formaten.

Was die Startseite jederzeit bieten könnte:

  • eine kurze Zusammenfassung,
  • ein Video,
  • einen interaktiven Chat,
  • einen personalisierten Feed.

All das basiert auf demselben zugrunde liegenden Content-System.

Fazit: Nutzerinnen und Nutzer navigieren immer seltener aktiv durch Inhalte. Stattdessen interagieren sie zunehmend mit Systemen, die Inhalte dynamisch um sie herum – und für sie – zusammenstellen.

Chapter 6

Wie das in einer Redaktion konkret aussieht

Um das greifbarer zu machen, lohnt sich ein Blick darauf, wie eine einzelne Geschichte den Workflow durchläuft.

Klassischer Workflow Liquid Content-Workflow
1️⃣ Eine Reporterin oder ein Reporter schreibt einen Artikel. 1️⃣ Eine Reporterin oder ein Reporter erstellt strukturierte Inhalte: zentrale Informationen, Zitate, Kontext, ergänzende Daten.
2️⃣ Eine Redakteurin oder ein Redakteur überprüft und veröffentlicht ihn. 2️⃣ Diese Inhalte werden als wiederverwendbare Bausteine gespeichert.
3️⃣ Der Artikel ist das zentrale Endprodukt. 3️⃣ Aus derselben Quelle entstehen mehrere ausgespielte Formate: eine Kurzfassung, ein Audio-Briefing, eine personalisierte Version und ein vollständiger Artikel.
4️⃣ Weitere Formate entstehen – wenn überhaupt – erst im Nachgang. 4️⃣ Die redaktionelle Prüfung erfolgt über diese verschiedenen Ausspielungen hinweg.

Wie sich eine Geschichte über verschiedene Ebenen entfaltet

  1. Kerninhalt: Die Grundlage bildet die zentrale Berichterstattung mit verifizierten Fakten, Zitaten und unterstützenden Daten. Diese Informationen werden in wiederverwendbare Bausteine strukturiert, statt in einem einzigen linearen Artikel.
  2. Morgen-Ebene: Im morgendlichen Kontext erscheint die Geschichte in Form von 5 Stichpunkten. Dieses Format ermöglicht ein schnelles Erfassen bei begrenzter Zeit und Aufmerksamkeit.
  3. KI-Assistenten-Ebene: Innerhalb eines KI-Assistenten wird die Geschichte als direkte, kontextbezogene Antwort auf eine Nutzerfrage bereitgestellt. So erhalten Nutzer genau die Informationen, die sie benötigen, ohne den gesamten Artikel lesen zu müssen.
  4. App (personalisierter Feed): In der App wird die Geschichte dynamisch basierend auf Nutzerpräferenzen, Verhalten und Kontext zusammengestellt. Sie kann neu angeordnet, gekürzt oder mit verwandten Inhalten kombiniert werden.
  5. Audio-Ebene: Als Audioformat wird die Geschichte zu einem 1–2-minütigen gesprochenen Briefing. Dieses Format ist für Situationen unterwegs optimiert, etwa beim Pendeln oder Multitasking.
  6. Web-Ebene (vollständiger Artikel): Auf der Website wird die Geschichte als vollständiger, vertiefender Artikel mit vollem Kontext und narrativer Struktur präsentiert. Diese Version unterstützt konzentriertes Lesen und ein tieferes Verständnis.
Was Sie direkt ausprobieren können
🧩 Artikel in seine zentralen Bestandteile zerlegen
🧩 Eine kurze Zusammenfassung (5–7 Stichpunkte) erstellen
🧩 Eine 1–2-minütige Audio-Version erstellen
🧩 Eine vereinfachte Version für neue Leserinnen und Leser verfassen

So erhalten Sie dieselbe Geschichte in drei bis vier Formaten – ganz ohne zusätzliche Recherche. Das ist die einfachste Form von Liquid Content in der Praxis.

Chapter 7

Warum Liquid Content für Publisher gerade jetzt relevant ist

All das klingt spannend, aber auch anspruchsvoll. Die naheliegende Frage lautet also: Warum sollte man gerade jetzt darin investieren? Weil sich die Grundlagen der Content-Distribution bereits jetzt verschieben.

Sichtbarkeit ist nicht mehr garantiert

Über Jahre hinweg konnten sich Publisher auf Traffic über Startseiten, Suchergebnisse und soziale Medien verlassen. Inzwischen finden immer mehr Interaktionen in Umgebungen statt, in denen der ursprüngliche Artikel nicht mehr das eigentliche Ziel ist.

  1. KI-Assistenten fassen Inhalte lediglich zusammen, statt auf sie zu verlinken.
  2. Antwortmaschinen liefern keine Ergebnislisten, sondern direkte Antworten.
  3. Aggregatoren formen Inhalte zu Feeds um.

Ihre journalistische Arbeit schafft weiterhin Wert, erscheint aber möglicherweise an anderer Stelle und in anderer Form. In diesem System verschwinden Inhalte zwar nicht, laufen jedoch Gefahr, in ihrem ursprünglichen Format unsichtbar zu werden.

Der Wettbewerb verändert sich

Publisher konkurrieren nicht nur mit anderen Medienhäusern, sondern auch mit KI-generierten Zusammenfassungen, personalisierten Briefings sowie mit Plattformen, die Inhalte aus verschiedenen Quellen zusammenstellen. In diesen Umgebungen sind Schnelligkeit, Relevanz und Formatflexibilität von entscheidender Bedeutung.

Wenn Nutzerinnen und Nutzer sofort eine passgenaue Antwort erhalten können, wirkt ein statischer Artikel schnell wie ein Umweg – es sei denn, er bietet echte Tiefe oder eine klare Differenzierung.

Inhalte verhalten sich zunehmend wie ein Produkt

Liquid Content zwingt Publisher dazu, Inhalte nicht mehr nur als individuelle Stücke zu sehen, sondern als Systeme. Dazu gehören die Struktur von Inhalten, ihre Wiederverwendbarkeit und ihre Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Ausspielkanäle. Gleichzeitig erfordert es eine engere Zusammenarbeit zwischen Redaktion, Produkt und Technologie – mit dem Ziel, Nutzungserlebnisse gezielt zu gestalten.

Relevanz wird zur großen Chance

Richtig umgesetzt sorgt Liquid Content dafür, dass Inhalte:

  • nützlicher wirken (passende Detailtiefe),
  • situationsgerechter wirken (zum Moment passen),
  • zugänglicher wirken (zum Format passen).

Ein Blick auf typische Nutzungssituationen:

Morgens (schneller Überblick) Unterwegs (Pendeln, Erledigungen) Später am Tag (mehr Fokus)
Sie haben nur wenige Minuten und sind meist am Smartphone. Sie schauen nicht aktiv auf einen Bildschirm. Sie haben Zeit und volle Aufmerksamkeit.
Sie möchten sich schnell informieren. Sie möchten passiv informiert bleiben. Sie möchten ein Thema wirklich verstehen.
Sie bevorzugen kurze Zusammenfassungen oder Stichpunkte. Sie bevorzugen Audio-Briefings oder dialogische Formate. Sie bevorzugen ausführliche Artikel, Analysen oder langformatige Beiträge.
Sie benötigen wenige Hintergrundinformationen. Sie benötigen eine klare und gut strukturierte Erzählweise. Sie wünschen weitere Hintergrundinformationen, Daten und Expertenmeinungen.
Sie überfliegen Inhalte. Sie konsumieren Inhalte ohne Interaktion. Sie lesen vertieft, erkunden Zusammenhänge und setzen sich aktiv mit Inhalten auseinander.
Sie sehen Inhalte, die auf Ihre wichtigsten Interessen zugeschnitten sind. Sie erhalten ein durchgängiges, freihändiges Nutzungserlebnis. Sie können tiefer in verwandte Themen und Perspektiven eintauchen.

Sind Inhalte auf die Nutzungssituation abgestimmt, reduziert das Reibung und steigert die Interaktion.

Doch es geht nicht nur um Effizienz

Es liegt nahe, Liquid Content vor allem als Möglichkeit zu sehen, schneller mehr Inhalte zu produzieren. Das ist zwar Teil davon, aber die größten Chancen liegen anderswo:

  • relevantere Nutzungserlebnisse schaffen,
  • die Lebensdauer und Reichweite von Inhalten verlängern,
  • Zielgruppen dort erreichen, wo sie sich ohnehin aufhalten.

Darüber hinaus bietet Liquid Content die Möglichkeit, neue Wege zur Monetarisierung von Inhalten zu erschließen, die nicht ausschließlich von Seitenaufrufen abhängen.

Fazit: Einfach ausgedrückt: Liquid Content gewinnt an Bedeutung, wenn Inhalte nicht mehr an einen Ort, ein Format oder einen Zeitpunkt gebunden sind. Dieser Wandel ist bereits im Gange – und Publisher beginnen zu entscheiden, wie aktiv sie ihn mitgestalten wollen.

Chapter 8

Warum Liquid Content schwer umzusetzen ist

So vielversprechend das Konzept ist: In der Praxis erweist sich seine Umsetzung als anspruchsvoll. Die Technologie entwickelt sich rasant, doch die Realität in den meisten Unternehmen ist komplexer.

Die Integrität von Inhalten wird schwieriger zu sichern

Werden Inhalte dynamisch umgestaltet, kann es an mehr Stellen zu Fehlern kommen:

  • Zusammenfassungen verlieren Nuancen,
  • generierte Formate können Ungenauigkeiten enthalten,
  • Kontext wird mitunter zu stark reduziert.

Schon kleine Änderungen in der Struktur oder im Wortlaut können die Bedeutung auf subtile Weise verschieben. Mit zunehmender Flexibilität wird es schwieriger, Genauigkeit, Tonalität und Intention konsistent zu halten.

Workflows von Redaktionen müssen sich ändern

Liquid Content passt nicht in klassische Publishing-Strukturen. Viele Redaktionen sind nach wie vor ausgerichtet auf festgelegte Formate, spezifische Teams pro Format und lineare Produktionsabläufe.

Liquid Content verschiebt den Fokus zu:

  • gemeinsamen Content-Systemen,
  • modularer Erstellung,
  • enger Zusammenarbeit zwischen Redaktion, Produkt und Technologie.

Die Umstellung von traditionellen Workflows auf einen Prozess, der Liquid Content berücksichtigt, braucht Zeit – und oft ein grundlegendes Überdenken von Rollen und Zuständigkeiten.

Eigentum und Kontrolle werden unklarer

Wenn Inhalte in externe Systeme wie KI-Assistenten, Aggregatoren und Plattformen fließen, entstehen neue Fragen:

  1. Wer bestimmt, wie Inhalte dargestellt werden?
  2. Wie wird die Urheberschaft sichtbar gemacht?
  3. Wo findet Monetarisierung statt?
  4. Wie bleibt die Marke präsent?

Publisher könnten am Ende Erlebnisse ermöglichen, für die sie nicht vollständig verantwortlich sind.

Nicht alle sind (schon) überzeugt

Manche argumentieren, dass ein zu starker Fokus auf Formate und Personalisierung vom Wesentlichen ablenken könnte: originäre Recherche und Berichterstattung, eigene Perspektiven und hochwertiger Journalismus.

Aus dieser Sicht sollte die Priorität weiterhin darauf liegen, Inhalte überhaupt erst wertvoll und relevant zu machen.

Fazit: Liquid Content eröffnet neue Möglichkeiten – führt aber auch zu neuen Spannungsfeldern: Flexibilität vs. Kontrolle, Geschwindigkeit vs. Genauigkeit und Distribution vs. Inhaberschaft. Wie diese Abwägungen gehandhabt werden, wird maßgeblich bestimmen, wie weit sich dieser Ansatz durchsetzt.

Chapter 9

Wo man mit Liquid Content anfangen sollte

Für viele Teams kann der Übergang zu Liquid Content wie ein großer, abstrakter Wandel wirken, der komplett neue Strukturen erfordert. In der Praxis beginnt dieser Wandel damit, die Perspektive auf das zu verändern, was Sie bereits produzieren. Sie müssen Ihre Redaktion nicht komplett umkrempeln, um loszulegen.

1. Struktur als Ausgangspunkt

Statt in Formaten zu denken, richten Sie den Fokus darauf, wie Inhalte aufgebaut sind:

  • Was sind die zentralen Informationseinheiten dieser Geschichte?
  • Lassen sie sich in wiederverwendbare Bausteine zerlegen?
  • Wie leicht lassen sie sich anpassen, ohne alles neu zu schreiben?

Wenn Information und Darstellung getrennt sind, lassen sich Inhalte in unterschiedlichen Nutzungserlebnissen wiederverwenden.

2. Mit risikoarmen Anwendungsfällen experimentieren

Sie müssen nicht über Nacht Ihren gesamten Workflow umstellen. Ein pragmatischer Einstieg:

  1. Nehmen Sie einen längeren Artikel.
  2. Erzeugen Sie mithilfe von KI-Tools alternative Formate.
  3. Prüfen Sie diese auf Genauigkeit, Tonalität und Verzerrungen.
  4. Testen Sie sie mit einer kleinen Zielgruppe.

Beispiel: Verwandeln Sie eine Reportage in ein kurzes tägliches Briefing oder erstellen Sie eine vereinfachte Version für neue Leserinnen und Leser. Messen Sie anschließend Interaktion, Abschlussraten und Nutzerfeedback.

3. 3. Nutzerintention in den Mittelpunkt stellen

Eine der größten Veränderungen ist der Wechsel von einer „Content-first“- zu einer „User-first“-Denkweise.

Fragen Sie sich:

  1. Wann wird der Inhalt konsumiert?
  2. Was wissen die Nutzerinnen und Nutzer bereits?
  3. Wie viel Zeit steht ihnen wahrscheinlich zur Verfügung?
  4. Welches Format passt zu diesem Moment?

Derselbe Inhalt kann überfordernd oder genau richtig wirken – je nachdem, wie gut er zur Nutzerintention passt.

4. Von Anfang an auf Wiederverwendbarkeit setzen

Mit zunehmenden Experimenten zeigt sich ein klares Muster: Inhalte, die sich leicht wiederverwenden lassen, gewinnen langfristig an Wert. Das bedeutet:

  • klare Struktur,
  • konsistentes Tagging und Metadaten,
  • klar definierte Arten von Inhalten,
  • Systeme, die eine flexible Neukombination ermöglichen.

Liquid Content bedeutet: mehr aus dem herausholen, was bereits vorhanden ist.

5. Akzeptieren, dass es ein schrittweiser Wandel ist

Es gibt keinen Schalter, mit dem man eine klassische Redaktion einfach so in einen Liquid Content-Betrieb verwandeln kann. Die meisten Organisationen durchlaufen mehrere Phasen:

  1. Experimentieren
  2. Teilweise Umsetzung
  3. Neugestaltung des Workflows
  4. Tiefere Integration

Und genau in diesen Phasen zeigt sich, was für die eigene Zielgruppe tatsächlich funktioniert.

Fazit: Liquid Content bedeutet nicht, alles Bisherige einfach hinter sich zu lassen. Vielmehr baut er auf bestehenden Stärken auf – Recherche und Berichterstattung, Storytelling, redaktionelles Urteilsvermögen – und erweitert sie um ein flexibleres, reaktionsfähigeres System.

Chapter 10

Was technisch im Hintergrund notwendig ist

Liquid Content hängt stark davon ab, wie Content-Systeme aufgebaut sind. Damit er skalierbar wird, braucht es einige zentrale Bausteine:

Kernkomponenten hinter Liquid Content
1️⃣ Strukturierte Content-Modelle: Um Inhalte in einzelne Komponenten zu zerlegen, anstatt sie als einen Block zu speichern
2️⃣ Metadaten und Tagging: Damit nachvollziehbar ist, worum es geht und wie Inhalte wiederverwendet werden können
3️⃣ APIs und Ausspielschichten: Um Inhalte über Apps, Plattformen und externe Systeme bereitzustellen
4️⃣ KI-Transformationsschicht: Um Zusammenfassungen zu erstellen, Formate anzupassen und Ausspielungen zu personalisieren
5️⃣ Flexible Präsentationsschicht: Um Inhalte je nach Kontext und Benutzeroberfläche unterschiedlich darzustellen

Ohne diese Grundlage bleibt Liquid Content nur ein Experiment. Mit ihr wird er zu einem System.

Chapter 11

Wollen Nutzerinnen und Nutzer das überhaupt?

Das ist die entscheidende Frage. Neue Funktionen, KI, Personalisierung und dynamische Formate sind zwar spannend, aber nur dann relevant, wenn sie den tatsächlichen Bedürfnissen des Publikums entsprechen.

Erste Signale zeigen eine klare Richtung

Es gibt bereits erste Anzeichen dafür, in welche Richtung sich die Dinge entwickeln könnten. Die rasante Verbreitung von Tools wie ChatGPT und KI-gestützten Lösungen deutet darauf hin, dass sich klare Erwartungen herausbilden:

  • Menschen wollen schnellen Zugang zu Informationen.
  • Sie erwarten Inhalte, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind.
  • Sie bevorzugen Formate, die zur jeweiligen Situation passen.

Statt sich durch mehrere Seiten zu klicken, erwarten Nutzerinnen und Nutzer zunehmend direkte Antworten, Zusammenfassungen oder geführte Nutzungserlebnisse.

Bequemlichkeit vs. Tiefe

Liquid Content eignet sich besonders für Situationen, in denen Nutzerinnen und Nutzer schnelle Updates, klare Erläuterungen und effiziente Überblicke wünschen. Das kann ein morgendlicher Nachrichtenüberblick sein oder eine vereinfachte Darstellung komplexer Themen. Gleichzeitig gibt es weiterhin Momente, in denen Menschen etwas anderes wollen, wie z. B.:

  • ein Thema erkunden,
  • in eine Geschichte eintauchen,
  • sich bewusst Zeit für sie nehmen.

Und genau dafür bleiben klassische Formate unverzichtbar.

Es herrscht weiterhin Unsicherheit

Trotz aller Dynamik steckt dieses Feld noch in den Kinderschuhen. Publisher experimentieren, testen Formate und versuchen zu verstehen:

  • womit sich Nutzerinnen und Nutzer tatsächlich beschäftigen,
  • welchen Inhalten sie vertrauen
  • wofür sie zurückkehren.

Eine eindeutige Antwort gibt es aber noch nicht. Die entscheidende Frage hier lautet: Wenn Inhalte jede Form annehmen können – für welche Formen entscheiden sich Menschen tatsächlich?

Was sich bisher abzeichnet

Einige Muster werden bereits sichtbar:

  1. Relevanz zählt mehr als Quantität.
  2. Inhalte funktionieren besser, wenn sie zur jeweiligen Nutzungssituation passen.
  3. Nutzerinnen und Nutzer schätzen flexible Nutzungsmöglichkeiten.

Gleichzeitig bleiben Vertrauen, Qualität und Originalität entscheidend.

Fazit: Liquid Content eröffnet neue Möglichkeiten, den Bedürfnissen des Publikums besser gerecht zu werden. Ob daraus nachhaltige Nutzungsgewohnheiten entstehen, hängt davon ab, wie gut diese Möglichkeiten mit dem tatsächlichen Verhalten übereinstimmen.

Chapter 12

Wo Liquid Content noch an Grenzen stößt

Besonders gut funktioniert der Ansatz, wenn Nutzerinnen und Nutzer Klarheit, Geschwindigkeit oder praktischen Nutzen wünschen. Es gibt aber auch Formate, für die Liquid Content weniger geeignet ist:

  • erzählerisches Storytelling,
  • Meinungsbeiträge,
  • lange, immersive Formate.

Diese Formate leben von Struktur, Stimme und Dramaturgie – Elemente, die sich nicht ohne Weiteres verändern lassen, ohne an Wirkung zu verlieren.

Chapter 13

Was Liquid Content im Kern ist

Nach all dem lohnt es sich, die Idee wieder auf das Wesentliche zurückzuführen. Liquid Content beschreibt einen Perspektivwechsel im Umgang mit Geschichten:

  • von festen Endprodukten zu flexiblen Systemen,
  • von einem Format zu vielen möglichen Nutzungserlebnissen,
  • von einer Version für alle zu Varianten, die sich am Kontext orientieren.

Er spiegelt eine Welt wider, in der Inhalte plattformübergreifend zirkulieren, sich an Bedürfnisse anpassen und über ihren ursprünglichen Veröffentlichungsort hinaus existieren.

Eine mögliche Kurzdefinition:

Liquid Content sind strukturierte Inhalte, die kontinuierlich neu zusammengesetzt und in verschiedenen Formaten, Längen und Kontexten ausgespielt werden können – ohne dabei ihre Kernaussage zu verlieren.

Für Publisher bedeutet Liquid Content Chance und Druck zugleich. Er eröffnet die Möglichkeit, Zielgruppen in neuen Umgebungen zu erreichen, relevantere Nutzungserlebnisse zu schaffen und die Lebensdauer von Inhalten zu verlängern. Gleichzeitig bringt er neue Herausforderungen in Bezug auf Kontrolle, Monetarisierung und Workflow-Komplexität mit sich.

Liquid Content ist ein Ansatz, der noch Gestalt annimmt. Einige Elemente sind bereits Realität: KI-generierte Zusammenfassungen, personalisierte Feeds und die formatübergreifende Aufbereitung von Inhalten. Andere Aspekte sind noch experimentell, wie beispielsweise vollständig adaptive Geschichten oder die Zusammenstellung von Inhalten in Echtzeit – und vieles davon wird davon abhängen, wie das Publikum darauf reagiert.

Am Ende geht es um mehr als nur einen neuen Format-Trend. Liquid Content steht für eine veränderte Beziehung zwischen Information, Technologie und Aufmerksamkeit.

Im Zuge dieser Entwicklung stellt sich eine grundlegende Frage: Wer gestaltet künftig, wie Inhalte fließen – und wer ist auf die Systeme angewiesen, die von anderen entwickelt wurden?